Die neuen Gärten Griechenlands

Umgebung | surroundings-33Lourdata Februar 2013

Das Gesicht in der Sonne, das Meeresrauschen im Hintergrund, der süsse Duft der Mandelblüten in der Nase, pflücke ich Mandarinen von den Bäumen, um daraus Konfitüre zu kochen. Der Reichtum der Natur und die Lebensqualität auf der Insel stehen für mich immer wieder in krassen Gegensatz zur Krise.

Nach neuesten Zahlen sind 62% der Jugendlichen ohne Arbeit, insgesamt 27% der Bevölkerung. Lohnkürzungen von 20-60% mit gleichzeitigen heftigen Steuererhöhungen legen die griechische Wirtschaft lahm.

Die Grundschullehrerin unserer Tochter, sie heisst Dionisia, (ich könnte auch unseren Onkel Iannis nennen, Polizist, oder die Nach- barin Marina, Krankenschwester) bekam noch vor wenigen Jahren nach 10 Dienst- jahren (gilt auch nach 40 Dienstjahren) einen Lohn von über 1500.-, nun bleiben ihr noch 700.-. (Anfangslohn ist 580.-) Alle Zulagen wie auch Weiterbildung wurden gestrichen.

In den sogenannten guten Jahren nahm Dionisia für ihr Eigenheim einen günstigen Staatskredit auf, der ihr mit 200.- monatlich automatisch vom Lohn abgezogen wird. Ihr Mann Andreas ist als Architekt seit über 2 Jahren ohne Arbeit. Man sieht ihn fast täglich am Strand mit der Angelrute fischen. Ja, schließlich haben sie auch 2 Kinder. Nein, die beiden sind kein Einzelfall. Leider.

Falls du vorhast, dich hier selbstständig zu machen und du erfolgreich 1000.- im Monat verdienst, wirst Du davon 3 Monatslöhne Steuern zahlen. Je nach Berufssparte zahlt man mit demselben Einkommen inzwischen völlig unterschiedliche Steuern. Mit der neuen Steuerreform sollen nun auch Arbeitslose und Obdachlose besteuert werden, bis zu 950.- im Jahr!

Zusätzlich kämpft fast jeder mit der Immobi- liensteuer, die über die Stromrechnung abge- rechnet wird. Sie liegt zwischen 4.- und 20.- pro qm, je nach Standort. Gestern stand in der Zeitung, dass 50% der Bevölkerung diese Rechnung nicht bezahlen kann, und ich frage mich, wie viele wohl nun deswegen bald ihr Haus verkaufen müssen.

„Früher freutest du Dich, wenn du das Haus deiner Eltern erbtest, nun ist es umgekehrt, Du schimpfst über sie“, meinte eine Freundin von mir.

Parlamentarier diskutieren neuerdings auch über eine Grundsteuer für unbebautes Gelände ab 2014.

Der 25 jährige Dimitris von Lourdata ist mit seinem Bruder nach Amerika ausgewandert, der 21jährige Panagis ist seit wenigen Monaten in England. Andere sind von der Hauptstadt Athen zurückgekommen, wie der 27 jährige Nikos, Elektriker. Ohne Arbeitslosengeld (in Griechenland wird dieses höchstens ein Jahr lang ausbezahlt) versucht er nun mit Landwirtschaft auf dem Boden der Grosseltern überleben zu können. In den über Jahre unbebauten Gärten am Strand wachsen jetzt im Winter wieder üppig Blumenkohl, Broccoli, Salat, Spinat und Kartoffeln. Gestern haben die Alten im Dorf Nikos mit einem Rechen gesehen, wie er die Steine auf dem Olivenacker zusammenhäufelte. Der Schäfer belehrte ihn nach getaner Arbeit, dass er diese sinnlose Arbeit bald wiederholen könne, da jeder Regenschauer neue Steine hervorwasche. Nikos erzählte mir danach beim Bäcker, dass er Samen u.a. von alten Tomatensorten be- kommen habe. Auf der Tauschbörse letzte Woche in Argostoli wurden verschiedenste Samen von neuen und alten Sorten getauscht und gehandelt, ohne Geld.

Auf die Frage: „Ti kaneis? “(wie geht es?) bekommst du nun meist die Antwort „pale- voume“ (wir kämpfen) zu hören. Viele sind resigniert, sehen kein Licht am Ende des Tunnels.

Alles wird teurer, das Benzin ist inzwischen auf 1.82 geklettert, für 20.- füllt das den Tank mit 11 Litern. Für ein paar Tomaten, Feta, Milch, Toilettenpapier und Waschmittel zahlen wir hier einen Drittel mehr als in Deutschland. Das verteuerte Heizöl können sich heuer die meisten nicht mehr leisten und heizen wieder mit Holz.

Auf den Strassen ist es ruhig geworden, etliche Tankstellen kommen mit der neuen Sparpraxis der Autofahrer nicht mehr über die Runden.

Besonders bitter ist, dass bei der Ausbildung und im Gesundheitswesen so rigoros zusammengestrichen wurde. Letzte Woche fiel der Entscheid des Erziehungsdepartements, dass die beiden Hochschulen „Department of Public Relations & Communication“ und die TEI „Alternative Landwirtschaft“ mit über 7000 Studenten geschlossen werden. Ohne wirkliche Alternative. Sie werden auf eine andere Hochschule aufs Festland verlegt, weder mit vergleichbarem Studieninhalt noch mit Wohnmöglichkeiten.

Erfolge dieser rigorosen Sparpolitik sind für jemanden, der in Griechenland lebt, nicht ersichtlich. Die Staatsschulden sind mit Troikas und der von der griechischen Regierung abgesegneten Spartaktik von 120% auf 180 % geklettert. Dennoch hält man daran fest. Dass gewisse Auslandpolitiker weiterhin die hiesigen Sparmaßnahmen loben, kann ich nur als Hohn empfinden.

Trotz allem, oder gerade wegen diesen unmenschlichen Kürzungen sind die Griechen wieder näher zusammengerückt.

In jedem Supermarkt stehen am Ausgang grosse Körbe, in die man Packungen mit Reis, Spaghetti, Milch etc. hineinlegen kann, für Leute, die sich diese Ausgaben nicht leisten können. Die Waren werden dann von der Kirche eingesammelt und gerecht verteilt. Die unverkauften Esswaren der Supermärkte werden ebenfalls auf dieselbe Weise verteilt.

Durch die Überschaubarkeit unserer Insel (Grösse entspricht der Fläche des Kantons Zürich, aber mit nur knapp 40.000 Einwohnern) und die Tourismuseinnahmen für viele Bewohner ist der Notstand hier nicht so schlimm und offensichtlich wie in Athen. Hier auf der Insel fällt kaum jemand durch das engmaschige Sozialnetz, das die Einwohner sich untereinander bieten. Falls man ohne Krankenversicherung (für Arbeitslose fallen diese automatisch weg) einen Spitalbesuch oder Arztbesuch benötigt, kann man sicher sein, dass man trotzdem gut behandelt wird.

Nicht (auf-)gebrauchte Medikamente kann man abgeben, damit sie gratis an die Bedürftigen verteilt werden können. Bewohner, die die Miete nicht mehr bezahlen können, kommen meist bei Familie oder Freunden unter. Die Regierung half auch schon ganz unbürokratisch und versorgte 2 Familien im Altersheim.

Und trotz der ganzen Misere: die Griechen schaffen es, Witze über sich zu machen:

Kostas sinniert über der Stromrechnung: „…diesen Betrag kann ich mir nur erklären, wenn mein kleiner Ventilator, den ich während des Augusts im Zimmer hatte, einen Verbrauch einer Boeing 747 – Düse hatte…“

Oder: Ein Autofahrer lässt sein Auto mit 50 Euro tanken. Worauf ihm der Tankwart seine Tochter zur Heirat anbietet.

Oder: „Der Bus hat eine Heizung. Wenn er nun auch Internet anschafft, ziehe ich gleich um!“

Neu tauchen Bazars oder kleine Läden auf, die Gebrauchtwaren verkaufen, Kleider, Möbel, Bücher.

Eine andere Gruppe organisiert einen Austauschmarkt. Hier wird Olivenöl gegen Honig, Käse gegen Wein, Oliven gegen Seife und Kartoffeln gegen Tomaten getauscht. Bürger starteten vor einem Jahr die sogenannte Kartoffelinitiative. Übers Internet oder per Telefon kann man Hülsenfrüchte, Reis und Kartoffeln beim Produzenten bestellen und dann an einem bestimmten Tag direkt vom Lastwagen abholen. Ohne Zwischenhändler gewinnt der Bauer wie der Käufer; der Staat verliert.

Einige Lehrer bieten gratis Nachhilfestunden an. Die Hochschulen in Argostoli offerieren ohne Entgelt verschiedenste Erwach- senenkurse, von Ionischer Ernährung über Unternehmungsführung für junge Unternehmer bis zum biologischen Landbau.

Was meiner Ansicht nach bei all diesen Schwierigkeiten nicht im Mittelpunkt steht, aber doch keinesfalls vergessen werden darf, ist der Handlungsbedarf bei Natur- und Tierschutz.

Letzten Sommer sind erstmals wieder seit so vielen Jahren drei Mönchsrobben getötet worden, die seltenste Robbenart der Welt. Sie sind für einige Fischer eine zu grosse Konkurrenz auf dem sonst schon engen Markt geworden. Sie machen nämlich die Netze kaputt, um sich die gefangenen Fische rauszuholen. Für diese äußerst bedrohte Tierart setzt sich seit vielen Jahren oft erfolgreich, doch mit vielen Rückschlägen unsere Archipelagos-Gruppe ein. Die Leiterin Aliki Panou (Meeresbiologin) und Mitstreiter arbeiten seit Jahren praktisch ohne finanzielle Mittel. Sogar das Benzin für die regelmässigen Besuche bei den Fischern wird aus eigener Tasche bezahlt. Trotzdem wird das Mitgliedernetzwerk aufrechterhalten – aber das reicht einfach nicht, um die Tierart zu retten. Falls Du also Lust und Mittel hast (auch ein kleiner Beitrag ist hilfreich!) einen sinnvollen Verein zu unterstützen, sind hier die Daten:

Archipelagos-environment and development
National Bank of Greece, 41113705,
IBAN: GR87 0110 3150 0000 3154 1113 705, SWIFT BIC: ETHNGRAA

Als Fazit möchte ich als Beteiligte – und nicht als Expertin – folgendes anfügen:
Ich bewundere die Griechen, mit welcher Grösse sie mit der ganzen Misere umgehen.

Meiner Meinung ist es nun an der Zeit,

– dass alle Parlamentarier und höheren Politiker als Solidaritätszeichen auf einen guten Teil ihrer überrissenen Löhne verzichten. Nicht, dass einige ihn vielleicht auch wirklich verdient hätten, (ich will an dieser Stelle keine Politik machen), doch könnten sie vielleicht ein wenig wieder davon gut machen, was ihre unglaubwürdige Politik in den letzten Jahren zerstört hat. Für Interessierte siehe auch: http://www.griechenland-blog.gr/tag/gehaltskuerzung/

– Dazu gehört selbstverständlich auch ein funktionierendes Rechtssystem. Diese übliche Verzögerungs- und Verjährungstaktik bei „grösseren Fischen“, gekoppelt mit staatlich gesponserter Mediendesinformation, verträgt das Land in diesem Zustand nicht mehr.

– Investitionen für innovative Kleinunternehmen anstatt unüberwindbare Felsbrocken, die sie uns in den Weg legen. Dazu ein kleines Beispiel: Eine Freundin von mir führt mit ihrem Partner zusammen ein erfolgreiches Kajaktourenunternehmen. Sie begeistern ihre Kunden durch gut ausgesuchte Plätze, interessante Informationen und sorgfältigem Umgang. Nun haben sie eine Busse von mehreren tausend Euro vom Hafenamt bekommen, da es in ganz Griechenland nicht erlaubt ist, sich mit Booten, ausser zum an- und ablegen, näher als 500 m zur Küste aufzuhalten.

– Finanzielle Unterstützung für eine gute Schulausbildung sind unbedingt notwendig, damit das Land in den Folgejahren nicht in einen noch tieferen Standard rutscht. Zudem beugen gebildete Menschen sowie auch Polizisten, die nicht auf Schmiergelder angewiesen sind, wachsendem Rassismus vor.

Und als letzten aber wichtigen Punkt, der trotz beschränktem Platz nicht fehlen darf: (ich habe ja schon so vieles ausgelassen, wie z. B., dass sogar gewagt wurde, Renten von 350.- zu kürzen. Sollen sie in der Hölle schmoren!)

Der Tourismus ist und bleibt eine der wichtigsten Einnahmequelle für Griechenland. Und dieses Land ist trotz Krise, die für einen Außenstehenden kaum spürbar ist, ein paradiesisches Kleinod in Europa. Du als Gast wirst noch mehr geschätzt als noch vor wenigen Jahren. Es werden dir hier viele für deinen Ferienaufenthalt danken und noch mehr Gärten werden dadurch zum Blühen kommen!

Susan Fisch Dimitratos Februar 2013
Herausgegeben von den Hellasfreunden Schweiz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s